Warum Sitzen nicht das neue Rauchen ist und drei Tipps für eine gesunde Sitzhaltung.

Cathryn Jakobson Ramin | 2. April 2019

Im Jahr 2014 veröffentlichte der Endokrinologe Dr. James A. Levine sein Buch „Get Up: Why Your Chair is Killing You and What You Can Do About It“. Er prägte den Begriff der „Sitzkrankheit“ und erklärte, dass keine körperliche Betätigung den Auswirkungen von täglichem achtstündigem Sitzen entgegenwirken könne.

Studien zeigen, das intensives Sitzen den Stoffwechsel verlangsamt, das gesunde Cholesterin um 20 % reduziert, das Risiko von Herz-Kreislauf-Problemen erhöht und die Wahrscheinlichkeit, an Typ-2-Diabetes zu erkranken, verdoppelt. Levine entwickelte das Konzept des Laufband-Schreibtischs, um darauf den größten Teil des Tages langsam, mit einer Geschwindigkeit von zwei bis drei Stundenkilometern, zu gehen.

In einem seiner zahlreichen Interviews bezeichnete Levine das Sitzen als „eine Art neues Rauchen“ und löste damit große Panik in den Medien aus. Einige Medien machten aus einer beiläufigen Metapher eine quasiwissenschaftliche Gegebenheit und als ein Jahr später Tim Cook von Apple Sitzen als „den neuen Krebs“ bezeichnete, stürzten sich die Medien ebenfalls darauf.

In Rekordzeit entstanden Büropläne für neue Steh- und Laufband-Schreibtische. Die Menschen brüsteten sich damit, wie viele Stunden sie auf den Beinen statt auf dem Hinterteil verbrachten. Neue Studien zeigten jedoch schon bald, dass stundenlanges Stehen Knie, Hüfte, Oberschenkel und Knöchel zu stark belastet und zu Krampfadern führen kann.

Was Studien (und Levine) wirklich sagen

Ende 2018 überprüften Wissenschaftler aus Kanada, Australien und den USA die Behauptung „Sitzen ist das neue Rauchen“ im American Journal of Public Health „Die Begeisterung, mit der Massenmedien das Sitzen verdammen“, habe „die verfügbaren wissenschaftlichen Beweise bei weitem übertroffen“, stimmten die Autoren der Studie überein. Tatsächlich traten Krebs und Herzkrankheiten bei Menschen, die rauchten, viel häufiger auf als bei den hartnäckigsten Marathon-Sitzern.

Levine, der eine Revolution auslösen wollte, hatte die Menschen stattdessen an ihren Stehtischen verankert. In einem kürzlich erschienenen Artikel stellte er klar, dass eine konzeptionelle Veränderung am Arbeitsplatz wirklich notwendig sei. „Sich von seinem Hintern zu erheben, ist fast verboten“, erklärte Levine. „Wir brauchen eine Umgebung, die die richtige Botschaft vermittelt.“

Natürlich ist es nicht gut, den ganzen Tag nahezu regungslos zu verbringen. Jede einzelne Bewegung hilft laut der kürzlich veröffentlichten „Physical Activity Guidelines for Americans“. Auch Sitzen hat seine Berechtigung im Arbeitsalltag, man sollte nur richtig sitzen.

Drei Tipps für eine gesunde Sitzhaltung  

Galen Cranz, Architekturprofessorin an der UC Berkeley und Autorin von „The Chair“, erklärte, das Konzept der statischen Bürostühle gehe ausschließlich auf die Erfindung der Schreibmaschine zurück. Um die Tasten präzise und kraftvoll anzuschlagen, musste die Schreibkraft aufrecht und still sitzen. Diese Zeiten seien vorbei, so Cranz. „Schlimmer als das Sitzen auf einem konventionellen Bürostuhl ist nur das Sitzen auf einem Pfahl.“

Fully lebt achtsames Arbeiten in Bewegung. Hier sind drei Tipps für eine gesunde Sitzhaltung, die Cranz’ Forschungsergebnisse berücksichtigen:

1. Nein zu 90-Grad-Winkeln

„Das Sitzen auf einem konventionellen Stuhl drängt unseren Körper in eine 90-Grad-Haltung, wodurch wir den ganzen Tag praktisch unbeweglich bleiben. Der Stuhl ist das Problem, nicht der Körper.“ Eine Sitzhaltung, in der sich die Knie tiefer als die Hüfte befinden, verringert nachweislich den Druck auf das Steißbein, aktiviert die Rumpfmuskulatur sowie den Kreislauf und hat einen positiven Einfluss auf die gesamte Wirbelsäule. Außerdem fühlt sie sich einfach besser an.

„In der richtigen Position kann sich das Sitzen auf einem Hocker mühelos anfühlen“, sagt Cranz.

 

 
2. Bewege dich frei

Wissenschaftliche Studien belegen, wie wichtig der häufige Wechsel zwischen Sitzen und Stehen ist. Hier kommen höhenverstellbare Schreibtische ins Spiel, die den Übergang vom Sitzen zum Stehen auf Knopfdruck ermöglichen. Selbst im Sitzen braucht der Körper die Freiheit, natürlichen Bewegungsimpulsen nachzugeben, um im Gleichgewicht und aktiv zu bleiben. Das Gewicht verlagern, die Beine ausstrecken, die Hüfte öffnen, sogar hoch und runter federn – das kann einen großen Unterschied machen, wie du dich fühlst und wie es um dein Energielevel bei der Arbeit steht.

„Der Mensch war zuerst da, also sollten sich Stühle dem Körper anpassen und nicht umgekehrt“, erklärt Cranz.

3. Höre auf die Signale deines Körpers

Es gibt nicht die eine perfekte Körperhaltung. Die optimale Körperhaltung ist die, die sich im Moment richtig anfühlt. Ob ein Strecken, wenn du angespannt bist, ein Öffnen der Hüfte, um deine Wirbelsäule aufzurichten, oder aufgestütztes Stehen, wenn deine Beine eine Pause brauchen – aktives Sitzen hält deinen Körper, im Einklang mit deinen Bedürfnissen, in ständiger Bewegung.

Eine Sache wäre da noch: Vergiss nicht, dass eine Stunde in einem bequemen Sessel mit einem guten Buch deine seelische Gesundheit stärkt und dich entspannt. Lege deine Füße hoch. Solange du deine Sitzgewohnheiten von unbewusst in bewusst änderst, machst du alles richtig.

 

Bildnachweis: Howard Schatz

Cathryn Jakobson Ramin ist die Autorin von Crooked: Outwitting the Back Pain Industry and Getting on the Road to Recovery,außerdem ist sie als redaktionelle Beraterin für Fully tätig

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